Balance und Achtsamkeit

ungesundes Essverhalten

Wenn du lieb deine Schuhe anziehst, bekommst du ein Gummibärchen. Mach bitte in die Toilette statt in die Windel, dann bekommst du einen Keks. Gib mir deinen Schnuller und du bekommst Schokolade.

Was haben alle diese Forderungen gemeinsam? Sie werden mit Essen belohnt.

Was lernt euer Kind daraus?

Stellt euch folgende Situation vor: ihr holt euer Wickelkind aus der Betreuung ab. Euer Kind freut sich und will gehen. Ein dezenter Duft steigt auf und ihr wisst sofort: da müsste jemand noch gewickelt werden. Die Betreuung hat Windeln und Tücher da, sie dürfen von Eltern genutzt werden.
Also sprecht ihr euer Kind an: „Mein Schatz, ich rieche, dass du (hier euer Wort für Stuhlgang einsetzen) in der Windel hast. Wir gehen schnell in den Wickelraum und machen dich frisch. Ich möchte mit dir noch weiterfahren und verhindern, dass du wund wirst.“

Dein Kind verneint und will raus.

Also antwortest du bedürfnisorientiert: „Folgender Vorschlag. Wir gehen in den Wickelraum und schauen gemeinsam in die Windel. Sollte sie leer sein, machen wir sie direkt wieder zu.“

Dein Kind nickt und nimmt deine Hand in Richtung Wickelraum.
Seine Bezugsperson aus der Betreuung bekommt die Situation mit. Sie hat wahrscheinlich das Einverständnis deines Kindes nicht mitbekommen und sagt zu deinem Kind: „Ich gebe der Mama diese Süßigkeiten. Und wenn du dich lieb wickeln lässt, gibt dir sie welche.“

Natürlich ist jetzt jedes Gespräch auf Augenhöhe mit deinem Kind sinnlos.
Auf die Nachfrage, ob das eine gängige Methode sei, die Kinder zu bestechen, wird es verneint. Trotzdem bleibt ein ungutes Gefühl.

Jetzt zur Anfangsfrage: was lernt euer Kind daraus?

-wenn ich jetzt mache, was von mir verlangt wird, bekomme ich eine Belohnung. Ich höre ganz lieb, dann bekomme ich immer etwas Süßes. Ich verknüpfe Essen mit positiven Ereignissen in Form von Belohnung und erzeuge Freude bei meinen Mitmenschen. Und wenn ich etwas mache, aber keine Belohnung bekomme, werde ich wütend. Deswegen schreie ich, weil ich die Belohnung vorher möchte. Da kann ich sicher sein, eine zu bekommen.

Zusammengefasst: ihr trainiert euer Kind zu gehorchen und züchtet eine Essstörung heran.
Euer Kind wird bei öfteren Einsatz dieser Methode das Belohnungsverhalten in sein Erwachsenenleben übernehmen. Es wird essen, sobald es traurig ist. Nahrung hat doch sonst immer Glücksgefühle ausgelöst. Oder auch in die andere extreme: es wird nur essen, wenn es das Gefühl hat, sich dieses zu verdienen. Eine schlechte Note = kein Mittagessen. Ein unterdurchschnittlicher Quartalsbericht = kein Frühstück.

Beispiel:

-Namen sind erfunden und stellen keinen Bezug zu einer bekannten Person dar-

Simone, 23 Jahre: sie hatte bis sie 4 Jahre alt war einen Schnuller. Jedes Mal, wenn sie ihn abgegeben hat, bekam sie Süßigkeiten. Für jede gute Note bekam sie eine Tafel Schokolade. Wenn sie ihren Teller leer gegessen hatte, durfte sie ein Eis essen. Wenn sie still in ihrem Zimmer wartete, während die Eltern Gäste hatten, durfte sie in ihrem Zimmer Kuchen Essen. Heute isst Simone, weil ihr Partner sich getrennt hat. Sie weint in ihrem Zimmer, isst eine große Pizza und einen Becher Eis. Ihr ist schon übel vom Essen, doch hat sie gelernt, wenn sie isst, hat sie nichts falsch gemacht…

John, 19 Jahre. John hat Schokolade bekommen für jede gute Note, jedes erfolgreiche Referat und jede zusätzliche Hausaufgabe. John hat gelernt, dass wenn er gute Leistungen erbringt, mit Essen belohnt wird.
John ist mitten in den Abiturprüfungen. Es ist stressig, er steht unter Druck. Ihm fällt das Lernen schwer und die Prüfungen sind zwar bestanden, jedoch nicht zum erhofften Ergebnis. John isst heute nichts, er hat es sich nicht verdient. So fühlt er es zumindest. Das geht mehrere Tage so. Durch die fehlenden Nährstoffe sinkt seine Leistung und er steckt in einer Negativspirale…

Ihr seht, es zieht sich wie ein roter Faden durch das Leben und kann nur mit therapeutischer Hilfe abgelegt werden.
Natürlich dürft ihr euer Kind belohnen. Verzichtet aber bitte auf Nahrung als Belohnung.
Ein Stempel auf eine Vorlage, einen Aufkleber aufkleben, ein High Five oder ein verbales Lob reicht in den meisten Fällen schon aus.
Die meisten Erwachsenen genießen es heute noch, Lob und Anerkennung in Form von Worten zu erhalten.