Balance und Achtsamkeit

Mein Kopf, das Wollknäuel

Text…

Mein Kopf, das Wollknäuel

Herzlich willkommen auf unserer Rundreise durch den Kopf einer Frau. Steigen Sie während der Fahrt nicht aufsund füttern Sie nicht die Dämonen, denen wir begegnen werden. Die werden von alleine größer.

Und alle Herren, die sich für den Inhalt eines weiblichen Kopfes interessieren: gut aufpassen. Vielleicht lernen Sie noch was.

Wir beginnen unsere Reise am Anfang. Nicht am Anfang mit den 2 Menschen, dem Apfel und der Schlange, sondern am Anfang unseres Wollknäuels. Morgens, direkt nach dem Aufstehen.

Dieses Wollknäuel gehört einer berufstätigen Mutter von 2 Kindern. Kind 1 ist im Schulalter, Kind 2 besucht die örtliche Kindertagesstätte. Diese Kinder haben einen, ebenfalls berufstätigen, Vater.

Es ist Dienstag morgen, 6.30 Uhr. Der Wecker klingelt. Alle anschnallen, die Fahrt geht los…

Beginnen wir mit dem Aufstehen. Die ersten 4 Minuten sind nicht besonders aufregend. Der Körper begibt sich in eine aufrechte Position, um das gemeinsame Badezimmer aufzusuchen. Hier beginnt der erste Faden unseres Knäuels: Toilette aufsuchen und das möglichst leise. Ansonsten wird Kind 2 wach und möchte an dem aufregenden Schauspiel der Toilettenhygiene teilnehmen. Es ist 6.35 Uhr. Der Wecker klingelt erneut. Nicht der eigene, sondern der des Gatten. Die Besitzerin des Knäuels, wir nennen sie zur besseren Verständlichkeit mal Mama, stellt den Wecker nach dem ersten Klingeln aus, um, wie eben erwähnt, Kind 2 nicht zu wecken. Doch der Wecker des Mannes ist nicht so schnell mit seiner Aufgabe fertig. Er klingelt wieder und wieder und wieder. Das Wollknäuel geht weiter. Wenn er den Wecker nicht gleich aus macht, wird Kind 2 wach. Dann ist ruhig duschen vor der Arbeit unmöglich. Kind 2 möchte auf die Toilette, aber nicht gleich, sofort. Und Zähne putzen. Und frühstücken. Und spielen vor der Kita, das alles gleichzeitig und mit einer Geräuschbegleitung ähnlich einer Großbaustelle.

Der Wecker verstummt. Ein tiefer Seufzer entfährt Mama gefolgt von einem „Maaaaaaaaammmmaaaaaa!“

Wie erwartet, wurde die morgendliche Dusche doch wieder einmal ersetzt durch einen Waschlappen, begleitet von einem Kind.

Das Wollknäuel geht weiter. Nach dem Anziehen der Mama und Kind 2 fehlt noch jemand: Kind 1. Das liegt noch im Tiefschlaf im Bett und macht keine Anstalten dieses zu verlassen. Ein kritischer Blick auf die Uhr. In 20 Minuten müssen alle aus dem Haus. Um 9 Uhr hat Mama ein wichtiges Meeting. Dieses Meeting entscheidet über ihren Aufstieg in eine bessere Position. Daher wird heute der Vater beide Kinder in die Schule und Kita begleiten. Doch er ist mit sich beschäftigt und Kind 2 will nicht, dass der Vater es anzieht.

Kind 1 wird wach. Leider fliegen nur in Filmen die Vögel durch das Fenster und helfen beim anziehen. In der Realität muss Mama helfen. Doch stopp! Kind 1 hat heute Fototag in der Schule. Also wird eine ordentliche Hose und ein hübsches Hemd heraus gesucht. Der Blick verrät, es ist nicht Kind 1 Geschmack, doch löchrige Jeans und Schlabberhoodie machen sich auf den Weihnachtskarten nicht allzu gut.

Das Wollknäuel geht weiter. Brotdosen packen, Kinder nochmal erinnern, dass heute der Vater fährt und das Wollknäuel gefühlt komplett ausrollen, als die gemeinsame Küche betreten wird. Kind 2 hat sich Frühstück gemacht. Also werden Schüsseln weggeräumt, dabei fällt auf, die Spülmaschine ist voll. Diese wird noch angemacht. Der Klarspüler ist leer, auffüllen, die Gläser sollen für den Büchertreff am Donnerstag ordentlich aussehen. Der Haushaltsschrank wird geöffnet, die Flasche mit dem Bodenreiniger fällt heraus. Der Deckel und die Flasche beschließen spontan getrennte Wege zu gehen und verteilen ihren Inhalt auf dem Küchenboden. Dabei fällt auf, dass Kind 2 die Esseneinnahme nicht auf den Mund beschränkt hat. Also darf der Vater einmal komplett umziehen, möglichst in Rekordzeit. Dabei wird schnell gewischt. Ein weißer Lappen liegt bereit. Komisch, der neue Weichspüler scheint gut zu sein. Der Lappen riecht nach Frühling. Nein, kein Lappen, Mamas Bluse für das Meeting. Also in die Wäsche damit und neue Bluse raussuchen. Beim Gang zum Wäschekorb fällt Mama Kind 1 ins Auge, nicht wie erhofft fertig und gepflegt für die Schule. Also Kind 1 erneut die Aufgabe des Fertig machens erteilen. Währenddessen verlässt der Vater mit Kind 2 das Kinderzimmer. Lila T-Shirt, Gelbe Hose mit Tupfen, Sandalen statt Turnschuhen und die Mütze scheint verschwunden.

Wieder der Gang in die Küche, Kind 1 am Küchentisch mit Nuss Nougat Aufstrich, nicht im Mund oder auf dem Brot, nein auf dem Hemd. War sicher nur ein Versehen. Also doch ein Kleidungsstück seiner Wahl.

Es ist 8.30 Uhr.

Alle machen sich auf den Weg. Im Auto ein Anruf. Vater meint, Kind 2 sollte was mitbringen, es gäbe wohl gemeinsames Frühstück im Kindergarten.

Ankommen im Büro, es ist 9.05 Uhr. 5 Minuten zu spät zum Meeting. Mama bekommt keine höhere Position, verspäten werde nicht gerne gesehen.

Und nun fragen Sie sich sicher, wie das Wollknäuel weitergeht? Jeden Tag ein ähnlicher Ablauf, mal mehr, mal weniger Termine. Mama organisiert, macht, tut, denkt, lenkt und vergisst.

Und nun zu den Anfangs erwähnten Dämonen: diese werden jeden Tag größer, lauter und nagen am Mamas Nerven. Jeden Tag, doch heute ist alles anders: Mama bricht zusammen. Mama hat ein Burnout. Ihre Dämonen sind durch das zu viele denken, lenken und organisieren so groß geworden, dass sie Mamas ganze Energie fressen. Mama braucht Hilfe, die Dämonen werden hier nicht mehr kleiner….