Balance und Achtsamkeit

Mein Kopf, das Wollknäuel 3

Zuletzt lasen wir die Geschichte über Mama, die nach einer Burnout Diagnose erfolglos einen Psychotherapie Platz suchte. Bei einer privaten Recherche spuckte ihr die Suchmaschine Heilpraktiker für Psychotherapie aus.

Mama wollte erstmal wissen, was den Heilpraktiker vom Psychotherapeuten unterscheidet. Keine Medikamente verschreiben, keine Krankmeldung, Selbstzahler, verschiedene Therapiemöglichkeiten, individuelle Termine, keine Diagnose an die Krankenkasse. Klingt erstmal nicht schlecht. Die Bewertungen der Praxis klingen ebenfalls sehr positiv.

Es steht auch hier eine Telefonnummer. Mama zögert. Wird sie hier auch wieder um Ablehnung stoßen? Auf eine unfreundliche Person, die ihr weder helfen kann, noch möchte?

Nach ein wenig Überwindung ruft Mama an. Eine sehr freundliche und melodische Stimme hebt ab: „Praxis von Frau XX, Heilpraktikerin für Psychotherapie, was kann ich für Sie tun?“

Mama ist wieder total überfordert. Diesmal aber anders. Nach dem letzten Telefonat mit einem patzigen Krankenkassen Mitarbeiter und einer unfreundlichen Dame der Psychotherapeutischen Praxis hat sie Angst vor dem Telefonieren entwickelt.

„Ich, ähm, ich…“, bringt sie als einziges hervor.

„Es ist sicher nicht leicht für Sie anzurufen, richtig?“, fragt die Stimme sanft am Telefon.

Mama schluchzt. Ja, es ist unglaublich schwer. Sie muss zugeben, nicht perfekt zu sein. Ihre Dämonen nicht alleine bezwingen zu können. Sich nicht um ihre Familie kümmern zu können. Sie fühlt sich hilflos, nutzlos, einfach nicht wie früher.

„Ja, es ist schwer…“, bringt sie als einziges hervor.

„Das ist in Ordnung, und trotzdem haben Sie allen Mut zusammen genommen. Das ist sehr schön. Wollen wir gemeinsam versuchen herauszufinden, warum Sie angerufen haben?“

Jetzt brechen alle Dämme. Mama sitzt auf ihrem Stuhl und weint. Alles kommt raus. Sie ist erleichtert, dass diese Stimme ihr so viel Hilfe anbietet, obwohl sie es nicht muss. Mama wurde so angefahren von anderen Personen am Telefon, dass so eine Reaktion nicht erwartet hatte.

„Ja bitte“, bekommt Mama als einziges unter Tränen heraus.

„Es klingt, als haben Sie es zur Zeit nicht sehr leicht. Möchten Sie einen Termin für ein Erstgespräch? In diesem Termin können Sie mir alles in Ruhe erzählen und wir sehen, ob wir zusammen arbeiten können.“

„Ja. Aber ich kann keine 2 Jahre warten…“, antwortet Mama ruhig.

„2 Jahre? Sie haben sicher bei einem Psychotherapeuten mit Kassenärztlicher Zulassung gesprochen. Die Termine sind tatsächlich sehr begehrt und die Warteliste lang. Aber keine Sorge, ich arbeite mit kurzen Wartezeiten. Ich kann Ihnen einen Termin in 2 Wochen anbieten. Würde es am 11. um 9 Uhr gehen?“

Stille. Mama starrt ungläubig ihr Telefon an. 2 Wochen, nicht 2 Jahre? Sie kann in 2 Wochen zu dieser sanften Stimme, die schon in einem Satz am Telefon so viel auslösen konnte?

„Ja.“ ist Mamas einzige Antwort darauf. Die nette Stimme notiert noch ein paar Daten von Mama und beendet freundlich das Gespräch.

Mama trägt den Termin ein und ihr fällt „Selbstzahler“ ein. Was kostet eigentlich so eine Stunde? Also hält wieder die Suchmaschine her.

Am Abend, als beide Kinder im Bett sind, nimmt Mama ihren ganzen Mut zusammen und erzählt ihrem Mann, was sie heute getan hat. Und wo sie einen Termin hat. Der Vater sieht sie verwirrt an. Er habe bemerkt, dass mit ihr etwas nicht stimme, aber sie habe ja nichts gesagt. Also wollte er nicht weiter nachbohren oder gar nerven. Mama habe schließlich genug im Alltag zu tun. Stimmt, denkt Mama. Der Alltag ist mehr als genug. Sie muss ihre beiden Kinder versorgen, für die Schule und Kindertagesstätte erreichbar sein, in der aktuellen Krankheitswelle zusätzlich noch im Home-Office betreuen, Wäsche waschen, die Wohnung sauber halten, frisches Essen vorbereiten, ihr Buchclub hat ein neues Buch angefangen und so viel mehr Aufgaben tragen ihren Namen.

Sie erzählt ihm von den Telefonaten und vor allem von dem letzten. Der Vater nickt und stimmt ihr zu.

„Ja, dann geh doch hin“, antwortet er ihr.

Jetzt erwähnt sie den Selbstzahler. Ihrer Recherche nach kostet eine Stunde zwischen 80 und 120 €. Wenn sie mit einer Sitzung in der Woche rechnet, durchschnittlich mit 100 €, wären das 400 € im Monat. Das klingt nach viel Geld.

Ihr Mann lächelt und stellt die richtige Frage: „Und was kostet es, wenn du nicht hingehst?“

Ja, was kostet es, wenn Mama den Termin absagt und sich auf eine Warteliste setzen lässt. Ihre Dämonen wachsen, 2 Jahre lang, mindestens. 2 Jahre mit diesen Gedanken und Gefühlen. Sie werden täglich mehr, kaum auszuhalten. 2 Jahre lang keine entspannte Mutter zu sein, keine Partnerin, sie würde so nicht mehr arbeiten können, ins Krankengeld rutschen. Das wären einige Euros weniger. Und was würde der Chef denken? 2 Jahre ausfallen, wenn sie überhaupt einen Therapieplatz bekommt. Sie müsste sich einen neuen Job suchen. Die Zusatzversicherung stuft sie höher ein. Auch wieder Kosten.

Also stimmt sie dem Vater zu. Sie wird hingehen.

Sie sieht erneut in ihren Terminkalender. In 2 Wochen wird in die Person mit der freundlichen Stimme kennenlernen und erzählen, was sie belastet.

Aber was genau belastet Mama eigentlich. Wieder schleicht sich der Gedanke ein, es geht ihr doch gut. Sie hat doch alles. Nein, Mama muss stark bleiben. Sie braucht Hilfe mit ihren Dämonen. Sie will wieder glücklich sein.