Balance und Achtsamkeit

Mein Kopf, das Wollknäuel 2

Erinnern Sie sich an den Ausflug in Mamas Kopf? Zuletzt waren die Dämonen so groß, dass sie Mamas Energie gefressen haben. Doch wie hat sich das gezeigt und wie geht es Mama heute?

Es ist ungefähr ein Jahr her seit unserer Reise und Mamas Zusammenbruch.

Wir begeben uns heute erneut auf eine Reise, auf eine emotionale und intensive Reise.

Alles beginnt an einem Sonntag Morgen.

Kind 1 und Kind 2 streiten wieder, laut und im elterlichen Schlafzimmer. Es geht um dies und das, was Geschwister eben so streiten. Der Vater schläft bei dem Lärm, wie auch immer das möglich ist, doch Mama ist wach. Sie ist nicht wach wie früher, unterbindet den Streit, geht ins Badezimmer, bereitet das Frühstück vor und plant gemeinsame Ausflüge. Nein, Mama liegt einfach da. Regungslos starrt sie die Wand an und ertrinkt an Gedanken. Die Kinder werden lauter, nun wird auch der Vater wach und unterbindet ebenso lautstark den Streit. Das war unnötig, das weiß Mama, doch der feste Punkt an der Wand ist gerade ihr Halt. Sie kann nicht wegsehen.

Dem Vater fällt auf, dass Mama wach ist. Mit einem Kuss verabschiedet er sich ins Badezimmer. Nach einigen Minuten kommt er zurück, doch Mama liegt weiterhin im Bett, den Punkt an der Wand fest im Blick. Der Vater zieht sich und die Kinder um, bereitet das Frühstück vor und wartet. Er wartet, doch keine Mama kommt zum frühstücken in die Küche. Der Vater macht sich Sorgen und sieht erneut nach. Doch sie verneint die Sorge, sie habe Kopfschmerzen und möchte den Tag im Bett verbringen. Kommt vor, denkt sich der Vater und akzeptiert dies.

Nach dem Frühstück nimmt er die Kinder mit zu den Großeltern. Sie haben eine schöne Zeit, doch das ausbleiben von Mama bleibt nicht unentdeckt.

Nachmittags versammelt sich die Familie zum Essen wieder in der gemeinsamen Küche. Schweren Herzens lässt Mama von Ihrem Punkt ab, doch sofort fühlt sie sich unsicher, ängstlich und überfordert. Der Wäscheberg neben dem Bett steht noch ungerührt da, die Spülmaschine muss ausgeräumt werden, sind die Hausaufgaben von Kind 1 erledigt? Mama fühlt sich, als würde ihr jemand ein Korsett immer weiter zu ziehen. Ihr Wollknäuel rollt weiter und weiter, es tauchen immer wieder neue Stränge auf, die bisher verborgen blieben. Dass sie als Kind nur mit Freunden spielen durfte, wenn alle Aufgaben im Haushalt erledigt waren. Eine Strafe ihrer Mutter war beispielsweise, das reinigen des Badezimmers mit einer Zahnbürste. Sie war ein Einzelkind und hat sich so alleine gefühlt. Deshalb macht sie heute viele Kurse und Vorlesungen mit, nur um nicht alleine zu sein.

Beim gemeinsamen Essen kann Mama kaum etwas zu sich nehmen. Sie redet, wirkt fröhlich und hört ihren Kindern zu, als sie aufgeregt von Oma erzählen. Ihre Kopfschmerzen scheinen nach außen verschwunden. Den restlichen Tag verbringt die Familie vor dem Fernseher. Sie wirken harmonisch, Mama ist abgelenkt.

Sie bringt ihre Kinder ins Bett und versichert beiden, wie sehr sie ihre Kinder liebt und ihnen immer alles verzeihen wird.

Noch am selben Abend liegt Mama wieder wach. Die Gedanken kreisen, lassen ihr keine Ruhe, belasten sie. Doch Mama zieht einen Entschluss: sie hört jetzt einfach auf traurig zu sein. Worüber soll sie sich beschweren? Sie hat einen tollen Job, auch wenn die Beförderung nicht stattfand; sie hat eine tolle Familie, ein schönes Haus und ein Leben wie im Bilderbuch. Andere haben so viel weniger und jammern nicht, denkt sich Mama.

Trotzdem nagen die Dämonen weiter an ihren Nerven. Alles wird schwer. Für Aufgaben, die sie früher in Minuten erledigt hat, benötigt sie nun den ganzen Vormittag. Sie wird schneller wütend bei den Kindern, möchte nicht berührt werden.

Mama geht zum Hausarzt und schildert ihre Probleme. Vielleicht was mit der Schilddrüse, Vitamin D Mangel, irgendwas banales.

„Burnout“ sagt ihr Hausarzt. Mama ist ausgebrannt. Sie braucht Hilfe. Ihr Hausarzt gibt ihr die Nummer eines Therapeuten. Ein Studienkamerad. Mama soll heute noch anrufen und einen Termin machen.

Nach einer langen Warteschleife geht eine hörbar gestresste Dame ans Telefon: „Psychotherapeutische Praxis, was kann ich für Sie tun?!“

Mama ist erschrocken. Ihr kommt kaum über die Lippen, dieser Dame zu sagen, weshalb sie anruft. Könnte die Dame sauer werden? Ist Mama wirklich krank genug, um jemanden den Platz wegzunehmen, der ihn vielleicht dringender benötigt? So schlecht geht es ihr doch eigentlich gar nicht.

Nachdem die Dame an der Leitung mit einem noch genervteren „Halloohoo?!“ Mama aus ihren Gedankenkarusell holt, erläutert sie mit ihrem ganzen Mut den Grund ihres Anrufes.

Die Dame scheint nicht überrascht. Es würden wohl mehrere Personen anrufen für einen Termin. Die Wartezeit liegt aktuell bei 30 Wochen. Aber auch nur, wenn der Arzt nicht ausfällt oder Notfälle rein kommen. Dann könnte es wohl auch 2 Jahre dauern.

Mit einem eingeschüchterten Ablehnen, sich auf die Warteliste setzen zu lassen, legt Mama auf. Sie starrt die Wand an und murmelt immer wieder „kann auch 2 Jahre dauern“. 2 Jahre soll sie im schlimmsten Fall damit leben, nicht mehr glücklich zu sein. Sich immer weiter von ihrer Familie zu entfernen. Sie stellt sich die nächsten 2 Jahre mit ihren Gefühlen vor und bricht in Tränen aus. Wie kann das möglich sein?

Auch der Anruf bei ihrer Krankenkasse macht ihr keine Hoffnung. Therapieplätze, die von der Krankenkasse übernommen werden sind rar. Es gäbe einen zugelassenen Arzt, der in 7 Monaten einen freien Platz hat, dieser ist aber 190 km entfernt.

Mama versucht ruhig dem Herrn am Telefon zu erklären, dass sie nicht einfach 190 km fahren könne. Sie hat einen Vollzeitjob, eine Familie, Verpflichtungen. Der Herr antwortet pampig, dann wäre es Mama wohl nicht wichtig genug und legt auf. Mama weint wieder. Nach diesen Telefonaten ist sie noch unruhiger als davor.

Jetzt muss Google herhalten. Es muss doch etwas geben, dass ihr helfen kann. Nach einiger Recherche wird ihr angezeigt: Heilpraktiker für Psychotherapie.