Balance und Achtsamkeit

Der Flaschengeist

Wenn ich einen Wunsch frei hätte… ja was würde ich mir wünschen?

Ich finde eine Lampe, sie ist golden und glänzt in der Sonne. Wie aus 1000 und 1 Nacht strahlt sie wunderschön elegant.
Ich reibe daran und viel Rauch tritt heraus. Aus diesem Rauch steigt ein Flaschengeist empor. Groß, imposant und mit tiefer Stimme spricht er zu mir.
Einen Wunsch habe ich frei, doch nur, wenn dieser Wunsch auch erfüllbar ist.

Klingt einfach, also ohne lange nachzudenken sage ich:

„Ich wünsche, dass niemand auf der Welt mehr krank sein muss.“

Der Flaschengeist schüttelt den Kopf. Das sei so nicht möglich.

„Wenn jeder Mensch gesund ist, werden Ärzte arbeitslos, Krankenpfleger, Krankenkassen, Apotheker, Pharmakonzerne. Millionen Menschen wären ohne Einkommen. Finanzielle Sorgen kommen auf, Mangelernährung wegen fehlendem Einkommen, doch keiner wird krank, also sterben diese Menschen einfach. Binnen Stunden würden mehrere Millionen Menschen sterben.“

Verblüfft sehe ich den Flaschengeist an. Da ist was dran. Also scharf nachdenken, was wäre möglich? Die Idee: „Ich wünsche, dass meine Familie immer gesund bleibt.“

Der Flaschengeist zieht eine Augenbraue hoch.

„Welcher Grad der Familie? Nichten, Neffen, Onkel, Tanten, Enkelkinder? Sie würden geliebte Menschen für immer überleben und in tiefe Depressionen stürzen. Durch den Kummer und den Verlust könnten sie sich in Süchte und Kriminalität stürzen. Sie würden furchtbares Leid bringen und viele Menschen ins Verderben stürzen.“

Ok, das dann auch nicht. Also was ist mit Geld?
„Ich wünsche, dass ich 1.000.000.000 € auf dem Konto habe.“

Der Flaschengeist räuspert sich.
„Und wo soll das herkommen? Lasse ich es erscheinen, erzeuge ich eine erneute Inflation, das Geld ist so viel Wert wie ein Laib Brot. Nehme ich es woanders her, könnten Unternehmen insolvent werden. Der kleine Bäcker um die Ecke, der Gemüsehändler 2 Straßen weiter, eine Schule kann nicht renoviert werden. Nehme ich es von einem großen Konzern, fallen wieder hunderte Arbeitsplätze weg. Der Verlust müsste ausgeglichen werden.“

Das ist wirklich schwer. Was kann ich mir wünschen? Bei jedem Wunsch trete ich jemandem auf die Füße. Jemand kann zu Schaden kommen.

Selbst ein Schokoriegel müsste irgendwo her kommen. Gibt es einen Wunsch, der absolut passend ist und trotzdem noch Vorteile hat? Bin ich zu gierig und wünsche mir viel zu große Sachen, ohne über die Konsequenzen nachzudenken?

Während ich überlege, sehe ich einen Schmetterling. Er fliegt, ein leichter Wind geht, er landet im Spinnennetz und wird gefressen. Ob sich jemand den Wind gewünscht hat? Muss deswegen der Schmetterling sterben? Weil sich ausgerechnet jetzt jemand Wind gewünscht hat?

Müsste jemand sterben durch meinen Wunsch? Oder etwas verlieren? Darf ich überhaupt noch Wünschen?

Ich frage den Flaschengeist: „Was würdest du dir an meiner Stelle wünschen?“

Der Flaschengeist denkt kurz nach.
„Wenn ich einen Wunsch frei hätte, dann würde ich mir wünschen, den Menschen dabei helfen zu können, über sich hinaus zu wachsen. Mehr zu sein, als sie vielleicht denken zu sein. Ich würde mir wünschen, dass die Menschen wieder mehr träumen, sich mehr trauen und lieben, ohne Angst haben zu müssen. Ich wünsche mir, dass Kinder Fehler machen dürfen, ohne gestraft zu werden. Dass sie aufstehen und weitermachen können mit dem Wissen, ihre Eltern lieben und unterstützen sie. Ich würde mir wünschen, dass die Menschen einander akzeptieren, wie und wer sie sind. Unabhängig von ihren Präferenzen, Pronomen, Ethnie oder Bildung. Das würde ich mir wünschen“

Die Worte des Flaschengeistes hallen lange in meiner Seele nach.
„Ich wünsche mir, dass ich die passenden Worte finde, um deine Wünsche in die Welt hinaus zu tragen.“

Der Flaschengeist lächelt. Erneut Rauch und der Flaschengeist sowie Flasche verschwinden.
Ich bleibe zurück mit seiner Stimme im Herzen. Mit einem Wunsch und einer Idee…